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Ewgenija Morgunowa – eine fast unbekannte tote Zwangsarbeiterin

Am 20. November 1943 wurde die sowjetrussische Zwangsarbeiterin Ewgenija Morgunowa in aller Stille hinter der Ebersbacher Kirche auf dem Friedhof beigesetzt. Am 16. November 1943 hatte ein NS-Gendarm sie und eine andere Zwangsarbeiterin in die Arrestzelle des Ebersbacher Rathauses eingesperrt. Am 17.November 1943 fand man die 37-jährige sowjetisch/ukrainische Zwangsarbeiterin Ewgenija Morgunowa am frühen Nachmittag erhängt in ihrer Zelle auf. Es wurde nie geklärt, wie es zur Tat kam und ob es tatsächlich Selbstmord war.

Auf dem hölzernen Grabkreuz, das sich viele Jahre auf ihrem Grab befand, stand jedoch ein anderer Name: Jehenja Brorgunowa. Das war der Name den der stellvertretende Gendarmeriepostenführer Hans Strohm von Ebersbach angegeben hatte. Von da ab wurde dieser Name in den amtlichen Dokumenten verwendet. Unter „Ewgenija Morgunowa“ war sie hingegen zuvor bei ihrem Arbeitgeber geführt worden. Als Grund ihrer Verhaftung gab der Gendarm an: Widersetzung gegen die Anordnungen für russische Zivilarbeiter- und arbeiterinnen und tätlicher Angriff gegen die Lagerführerin“. 

Etwa ein Jahr zuvor, am 26. November 1942 war die sowjetische Staatsangehörige Ewgenija Morgunowa als sogenannte „Zivilarbeiterin“ in Ebersbach angekommen. Am 24.02.1908 wurde sie in Muretschewa, Markowska geboren. Sie trat eine Arbeit bei den Süddeutschen Spindelwerken in Ebersbach an. Auf welchem Weg sie nach Ebersbach kam und wie sie zu diesem Arbeitsgeber, so fern ihrer Heimat in der Ostukraine kam, ist unbekannt. Sie kam hier jedoch nicht allein an. Sie war eine von 20 sowjetischen Zivilarbeitern, insgesamt waren es elf Frauen und neun Männer, die an dem selben Tag bei den Spindelwerken als neue Arbeitskräfte in Ebersbach ankamen. Nach damaligem Sprachgebrauch hat man sie als Ostarbeiterin oder schlicht als Russin bezeichnet. Alle Zwangsarbeiter erhielten vom Arbeitsamt eine Erkennungsnummer. Ewgenija Morgunowa erhielt die Erkennungsnummer: 79088

Schon in normalen Zeiten ist es schwierig einen passenden Begriff für die Beendigung des eigenen Lebens zu finden: Suizid, Freitod, Selbsttötung, Selbstmord. Hätte sich die Tote tatsächlich selbst das Leben mit ihrem eigenen Schal genommen, wie könnte man dann diese Tat dann nennen? Die Rahmenbedingungen, welche die gefangen gesetzte Frau zur Tat motiviert haben könnten, kann man mit einem Wort kaum abbilden. Für eine Selbsttötung unter Bedingungen der NS-Herrschaft geht eine übliche Sichtweise völlig fehl. Der Historiker Christian Goeschel meint dazu: „Wenn sich Menschen umbrachten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, ist ihr Tot dann als Selbstmord zu betrachten? Ist wirklich jeder Tot durch die eigene Hand ein Selbstmord? Auch dann, wenn die handelnde Person starken äußeren Zwängen, Kontrollen, Unterdrückung und Terror ausgesetzt war?“ 

Der Geburtsort vorn Ewgenija Morgunowa liegt im Nordosten des ukrainischen Oblast Lunask und ist seit dem Angriffskrieg Russlands im Jahr 2022 Kriegsgebiet und von Russland besetzt. Aus diesem Grund ist es momentan nicht möglich gewesen weitere biographische Angaben zu erforschen. (Stand 09/2023). 

80 Jahre nach ihrem Tod, wird das Ehrengrab am 20. November 2023 in einer Zeremonie ab 19.00 Uhr der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Es hanelt sich um eine Kooperation der Stadt Ebersbach/Stadtarchiv mit der Evangelischen Kirchengemeinde Ebersbach.