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  • Ebersbach an der Fils

    Foto: Udo Schoenewald

Zementherstellung in Roßwälden

Der Name „Zement“ geht auf die Römer zurück, die seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. Bauwerke aus einem Gemisch aus Bruchstein, Puzzolan- und Ziegelmehl sowie Sand und gebranntem Kalk als Bindemittel mit „Opus Caementitium“ bezeichneten.

Bereits 118 bis 125 n. Chr. wurde beim Bau des Pantheoum (Tempel) in Rom „Cementitum“ verwendet. So verfügt das Pantheon über die größte Kuppel, die je ohne weitere Verstärkungsmaßnahmen aus Beton errichtet wurde. Sie ruht auf Wänden von immerhin 6,20 Metern Dicke und die Stützkonstruktion ist heute von außen gut zu erkennen.

Der Begriff „Cementum“ oder „Cement“ blieb bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten.

Geologische Verhältnisse

Die Mergelkalke des Lias (Schwarzjura) gamma sind in technischer Beziehung sehr wichtig, denn sie werden im großen Maßstab zur Zementfabrikation ausgebrochen. Bei Kirchheim wurde nahezu die gesamte Mächtigkeit dieser Abteilung des Lias hierzu abgebaut und in mehreren Fabriken zu Zement verarbeitet. Während in Kirchheim nur Romanzement gebrannt wurde, lieferten die Steinbrüche in Roßwälden gutes Material für die Portlandzementöfen. Der Ebersbacher Gerbermeister Carl Deuschle erkannte dies und begann mit der Planung des Brennofens. Vorher wurde hier lediglich Straßenschotter abgebaut.

Unterschied zwischen Roman- und Portlandzement
Aus einem einzigen Rohstoff hergestellt, ist der Romanzement ein natürliches hydraulisches Bindemittel. Der Kalksteinmergel von gleichmäßiger Zusammensetzung, der aus homogenen Gesteinsschichten abgebaut und anschließend fein gemahlen wird. Dann folgt der Brand zwischen 500° C und 1200° C.  Es ist ein schnell erstarrendes erhärtendes Bindemittel.

Im Gegensatz dazu ist der Portlandzement ein hydraulisches Bindemittel, das schneller erhärtet und auch eine bedeutend höhere Festigkeit erreicht. Je nach Gesteinsformationen werden noch verschiedene Bindemittel zugefügt.

Entstehung der Zementwerke in Deutschland

1835 wurde der Zement von dem Ulmer Apotheker Dr. Ernst Gustav Leube wieder entdeckt.

1838 gründeten der genannte Apotheker und seine Brüder in Ulm das erste deutsche Zementwerk.

Zementwerk Nürtingen - Nürtingen war lange Zeit als Stadt der grauen Dächer bekannt, denn von 1872 bis 1975 wurde in Nürtingen Zement hergestellt. Von 1900 an waren die „Portlandzementwerke Heidelberg“ Besitzer des Nürtinger Zementwerks.

1886 Für das Fundament der New Yorker Freiheitsstatue, damals der weltgrößte Betonkörper, bestellten die Amerikaner 1886 in Deutschland 8.000 Fässer (je Fass 170 kg = 1.360 t) Portlandzement der 1864 gegründeten Firma Dyckerhoff in Wiesbaden. Dieser Zement wurde bis vor wenigen Jahren weltweit bei besonderen Bauwerken verwendet.

Verbraucher: Den größten Bedarf an Zement hat China. Dort werden ungefähr 45 % der weltweiten Produktion verbaut.

Umwelt: Ein verschärftes Problem war allerdings der Treibhauseffekt durch den hohen Ausstoß von Kohlendioxyd. Weltweit wurden jährlich ca. 1,4 Milliarden Tonnen Zement hergestellt, der im Mittel etwa 60 % CaO (Calciumoxid) enthält. Damit ergab sich selbst bei optimaler Prozessführung ein Ausstoß von mindestens einer Milliarde Tonnen CO2.

Verfasser: Der Verfasser Alfred Unger stieß im Roßwälder Stab auf die Zementverarbeitung in Roßwälden. Dadurch wurde sein Interesse geweckt und er begann zu forschen. Von dem ehemaligen Stadtarchivar in Ebersbach, Herrn Dr. Haußmann, wurden die Baupläne und Unterlagen zur Verfügung gestellt und Alfred Unger nahm entsprechende Vermessungen vor. Dabei stieß er auf die jetzt noch sichtbaren Grundmauern des Zementwerks.

Das Industriedenkmal in der Roßwälder „Halde“ (Zementofen genannt) wurde in den Jahren 2005 - 2006 von Alfred Unger in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchivar, dem Ortschaftsrat und dem Bauhof Ebersbach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Umgebungsmauer wurde 2006 mit den Steinen der alten Roßwälder Kirchenmauer erstellt.
 
Der Zementofen von Osten gesehen   

 
Oberer Weg am Zementofen und Obstbaumanlage Steinbruch, dahinter Wald 860/1.


Steinbruchwand in hinterem Steinbruch mit deutlicher Schichtung

Bilder: Marliese Reick 1952

Ausgrabung und Einweihung 2005/2006

  

v. lks. nach re.: damaliger Ortsvorsteher Walter Hoyler, Karin Seitz, Alfred Unger, damaliger Bürgermeister Edgar Wolff, Bauamtsleiter Volker Draxler

Bilder: Alfred Unger 2005 - 2006

Zementwerke in Roßwälden

Das erste Zementwerk Deuschle

1872 wurde das erste Zementwerk Deuschle in der Halde erbaut (Ende Haldenweg Richtung Hochdorf).
Der Ebersbacher Gerbermeister Carl Deuschle begann 1873 mit der ersten Zementherstellung in Ebersbach. Den nötigen Rohstoff gewann er in Roßwälden im Steinbruch im Flurstück „Halde“. Hier wurde auch der Brennofen gebaut, der bei Temperaturen über 1.000° C den Kalkstein brannte.
Der Ofen wurde von oben in einer Höhe von 9,50 m mit einer Rollbahn bestückt. Die Rollbahn verlief auf dem heutigen oberen Weg in der Halde. Dieser wurde als Fahrweg 1904 ausgebaut.
In Ebersbach wurde auf dem Firmengelände am inneren Mühlkanal (später Häfele Areal, heute Gebäudekomplex Albstraße 4) mittels Wasserkraft der Kalkstein zu Zement gemahlen. Das Zementwerk Deuschle hatte stets handwerkliche Dimensionen. In Roßwälden waren 10 Leute, in Ebersbach ca. 20 Leute beschäftigt.

Größe der Anlage:
Grundriss Brennofen 9,40 m x 4,40 m
Höhe Brennofen 15,50 m
Grundriss Magazin 6,20 m x 7,00 m
Höhe Einfüllöffnung 9,50 m

1874/75 zweiter Brennofen erbaut

1892 Deuschle meldete Konkurs an

Warum musste Deuschle Konkurs anmelden?
Die im Steinbruch gebrochenen Steine wurden erst einmal im Roßwälder Hochofen getrocknet, dann mit den Fuhrwerken nach Ebersbach in seine Zementmühle gebracht. Die Steine wurden dort gemahlen und das richtige Portlandzementgemisch hergestellt. Das Zementgemisch wurde zu backsteinartigen Formen zusammen-gebacken und diese wiederum nach Roßwälden transportiert. Im zweiten Ofen wurden hier die Formen zu Portlandzement gebrannt und darauf zum zweiten Mal nach Ebersbach in die Mühle geführt und dort endgültig zu fertigem Portlandzement gemahlen, in Säcke abgefüllt und verkauft. Dies war ein aufwändiges Verfahren, da er kein eigenes Fuhrunternehmen hatte. Die Zementfuhrwerke fuhren den ganzen Tag, oft auch mit vier Pferden. Der Weg nach Ebersbach war damals nicht besser als ein mittlerer Feldweg.

„Zementgasse“ hieß der Weg von Ecke Mahdweg – Haldenweg, am Ende des Haldenwegs Richtung Hochdorf bis zu Deuschles Zementofen in der Halde; diese war besonders bei Regen in einem sehr schlechten Zustand.

1892 - 1895 kamen die Zementbrennöfen in Besitz des Bankiers Ganz aus Mainz. Der neue Besitzer ließ den Betrieb rentabler einrichten. Zu der Zementmühle in Ebersbach baute er noch einen Ringofen, so dass er die gebrochenen und gebrannten Steine nur einmal nach Ebersbach fahren musste.

1895 - 1904 Julius Link kaufte den Betrieb 1895 von Bankier Ganz und betrieb die Zementverarbeitung weiter und verkaufte dann endgültig an die Süddeutsche Zementverkaufsstelle Heidelberg. Link ließ auch den Weg für eine Rollbahn anlegen, damit der Ofen von oben bestückt werden konnte.

1897 Abbruch des ersten Zementofens (Das Holz wurde für den Hausbau Michael Hoyler in der Dorfstraße verwendet.)

1904 kaufte die Süddeutsche Zementverkaufsstelle Heidelberg die Anlage auf und legte sie still. Die Grundstücke und der Zementofen wurden von Privatleuten und der Gemeinde aufgekauft.

1905 Am 4. April kaufte Gottlieb Häfele, Fabrikant aus Göppingen (Süddt. Woll-Haarspinnerei und Weberei), die Zementmühle in Ebersbach (heute Haus Filsblick).

Zementmühle Deuschle in Ebersbach (aufgenommen um 1905 aus südlicher Richtung). Deutlich ist der Kamin und die technischen Anbauten zu erkennen. Rechts davon das Rathaus, dahinter die ehemalige Kunstmühle Zinser, die um 1905 jedoch bereits als Fabrik genutzt wurde.

Ausschnitt aus der Original-Genehmigung (Abschrift)

Abschrift der Genehmigungsurkunde
Königl. Württ. Regierung des Donaukreises

An das K. Oberamt Kirchheim

Auf den Bericht vom 9. d. M. betreffend das Gesuch des Cementfabrikanten Carl Deuschle aus Ebersbach um Genehmigung der Einrichtung eines zweiten Cementbrennofens auf der Markung Roßwälden wird dem Oberamt zur Eröffnung an den Bittsteller, und zwar in Gemäßheit des § 3 Ziffer 1 der K. Verordnung vom 19. Juni v. J. zu erkennen gegeben, dass man dem Gesuch desselben um die Erlaubnis eines zweiten Cementofens neben dem bereits bestehenden concessionierten Brennofen auf der Markung Roßwälden, sowie um Dispensation von der Vorschrift der Herstellung eines Kamins über der Füllöffnung nur unter den vom Oberamtsbaumeister beantragten Vorschriften Nr. 9 sowie der erweiterten Vorschrift der massiven Herstellung der beiden Füllhäuschen zu entsprechen vermögen.

Ulm, den 21. Juli 1874

Vorschriften des Oberamtsbaumeisters
In Nr. 9 1 – 6

1.     Der Brennofen ist, wie im Situationsplan eingezeichnet, zu stellen und nach den vorgelegten Plänen genau auszuführen.

2.     Der Ofen ist ganz aus feuerfestem Material herzustellen.

3.     Die Umfassungs-Giebelwandungen des Magazingebäudes und des Füllhäuschens sind aus Fachwerk herzustellen und in den Riegelfeldern mit Steinen auszumauern.

4.     Die Dachflächen sind mit Platten zu bedecken.

5.     Alles Holzwerk ist sowohl von der Schüröffnung als auch von der Füllöffnung mindestens 1,7 m entfernt zu halten.

6.     Der Boden des Füllhäuschens sowohl, als auch vor der vor dem Ausziehöffnung ist mit unverbrennbarem Material zu belegen.

Kirchheim, den 4. Juli 1874
Oberamtsbaumeister

Vorstehender Erlass wird dem Gemeinderat Roßwälden zur Nachricht und zur Eröffnung an Carl Deuschle mit dem Auftrag mitgeteilt, die Ausführung des Bauwesens durch den Baucontrolleur  nur überwachen zu lassen. Eine Beschreibung samt Riß und Situationsplan folgt.

Ein Fl (Gulden) 10 Kr für das Inserat in dem Teckboten und für die Belohnung des Oberamtsbaumeisters Distelbarth sind von Eberle einzuziehen und einzusenden.

Kirchheim, den 24. Juli 1874
Die Eröffnung
Roßwälden, den 28. Juli 1874
K. Oberamt 
Gesehen: Gemeinderat gez. Carl Deuschle

Das zweite Zementwerk Zinser (Ecke Mahdweg/Haldenweg)

Christian Zinser Kunstmühlenbesitzer in Ebersbach (Als Kunstmühle wurde ab dem 19. Jahrhundert Mühlen bezeichnet, die einen für damalige Zeit besonders hohen technischen Standard aufwiesen).

1888 erbaut Zinser einen Kalksteintrockenofen in Roßwälden, Standort Burgstall
 
 

Baugesuch Chr. Zinser 1888

Im Unterschied zu Deuschle trocknete Zinser den Kalkstein aus dem Flurstück  „Burgstall“ - auch „Burschel“ genannt - nur und brachte ihn nach Ebersbach zum Brennen.

Größe der Anlage
Grundriss Trockenofen 19,6  qm
Grundriss Ofen und Magazin 104,2 qm
Höhe Trockenofen 7,30 m

Der Ofen selbst wurde aus Steinen aus Roßwälden aus dem Steinbruch im Kratzer gebaut und innen mit Backsteinen ausgemauert.

1896 Da er auf beiden Seiten des Weges nach Reichenbach Steine brach, baute er einen Tunnel unter dem Weg durch, um die Steine nicht über den Berg fahren zu müssen. Dieser Tunnel bzw. der Weg für die Rollbahn ist ansatzweise heute noch auf der Südseite, direkt unter dem Weg nach dem Spielplatz, zu sehen.                            

 
Der Tunnel unter dem Weg nach Reichenbach           


Blick ins „Teich“. Im Winter Schlittengelände . In Verlängerung der rechten Bildseite beginnt das Tunnel.    

Bilder: Marliese Reick            

Verarbeitung
Die gebrannten Steine wurden mit eigenen Pferdefuhrwerken nach Ebersbach transportiert. Dort wurde die alte Kunstmühle am heutigen Standort des neuen Rathauses von Zinser zu einer Zementmühle umgebaut, die Steine gemahlen und ein Zementgemisch aus mehreren Stoffen hergestellt. Dieses Produkt wurde auf dem Kaufmann-Areal in einem dort stehenden Ringofen gebrannt und dann zu Zement gemahlen, in Säcke abgefüllt und verkauft.

                    
Ehemalige Kunstmühle links vom Rathaus vor 1914

1904 verkaufte Zinser an die Süddeutsche Zement-Verkaufsstelle, Heidelberg. Diese wiederum verkaufte das Anwesen in Ebersbach 1905 an Carl Kaufmann, Fabrikant aus Denkendorf. (Heutiges Kaufmannareal). Wie bei Deuschles Nachfolgern blieben die Grundstücke in Roßwälden im Besitz von Privatleuten und der Gemeinde.

Nach der Stilllegung der Zementwerke in Roßwälden wurde der Steinbruch in der Halde auf der Südseite bis 1960 zur Schuttablagerung verwendet. Der Steinbruch in der Halde auf der Nordseite am Wald Ödlingerhau wurde als Schießbahn mit einer Schießhütte und einem Schießhaus vom Kriegerverein bis 1945 verwendet. Schießhaus und Hütte wurden 1945 abgebrochen und das Abbruchmaterial zur Ausbesserung der vom Krieg beschädigten Gebäude in Roßwälden verwendet.

Von 1960 bis 1972 war die Schießbahn Müllkippe und Auffüllplatz, um  dann als Baumwiese verwendet zu werden.

Der Steinbruch Burschel auf der Nordseite des Weges Richtung Weiler diente 1921 als Kulisse für die Aufführung des Freischütz durch den Gesangverein Roßwälden. 1974 wurde dieser Steinbruch mit dem Erdaushub beim Bau der Raichbergschule aufgefüllt.

Quellen und Literaturhinweis
Bräuhäuser 1912, S. 194
Originalbaupläne und Genehmigungsurkunden wurden vom Stadtarchiv in Ebersbach zur Verfügung gestellt.
Zulassungsarbeit Marliese Reick, Roßwälden
Kalk und Zement in Württemberg von Helmuth Albrecht
Pliensbachium Geschichte und Geologie einer Typuslokalität von Anton Hegele

Für die Unterstützung ein herzlicher Dank an:
Stadtarchivar Uwe Geiger, Ebersbach an der Fils
Frau Mühlnickel-Heybach

Fred Unger im Juli 2017

Stadtmuseum Alte Post

Martinstraße 10
73061 Ebersbach an der Fils

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Info 07163 / 161-150

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