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Dorfmühle und Supermarkt - Zur wechselvollen Geschichte eines Gebäudes am Mühlkanal

Nördlich vom historischen Ebersbacher Backstein-Rathaus befindet sich heute der neue Erweiterungsanbau des Rathauses. An diesem Standort befand sich jahrhundelang die Dorfmühle von Ebersbach - sie hatte eine wechselvolle Geschichte. Der letzte Müller zermahlte hier jedoch kein Getreide mehr, sondern stellte hier bis um 1905 Portland-Zement her.

Im Jahre 1400 wurde die Dorfmühle erstmals erwähnt. Die Getreidemühle war ein Lehen der württembergischen Herrschaft und der Müller zu jährlichen Abgaben verpflichtet. Als um 1900 die Mahleinrichtung entfernt wurde, fand nach über einem halben Jahrtausend die Mühle ihr Ende. Danach wurde das Gebäude als Fabrik und Wohnhaus und zuletzt als Supermarkt bzw. Getränkemarkt genutzt. Bei den Ausschachtungsarbeiten wurden im Sommer 2006 zwei große Teile von einem der ehemals vier Mühlsteine entdeckt. In den erhaltenen Versicherungsunterlagen werden die Mahlsteine als „Champagnersteine“ bezeichnet. Der überlieferte Durchmesser mit 1,2 m stimmt mit dem Fundstück überein.


Mühlenlehen
Das Mühlenlehen gehörte dem Grundherrn, seit spätestens 1300 also den Grafen von Württemberg. Es war zunächst ein Fallehen, das heißt dem Müller war die Mühle sein Leben lang geliehen. Nach dem Tod des Müllers wurde von der Landesverwaltung jeweils über die neue Vergabe des Gutes entschieden. 1532 wurde Hans Schnell die Mühle nach Erstattung eines heute unbekannten Geldbetrages erblich verliehen. Das Mühlenlehen umfasste neben dem Mühlengebäude selbst, welches am nördlichen Ufer des inneren Mühlkanals lag, auch landwirtschaftliche Güter. Der große Haus- und Gemüsegarten lag direkt neben der Mühle. Die Mühlenwiese von eineinhalb Tagwerk Größe, die man auch „die Baing“ nannte, befand sich in nächster Nähe. Vom Burggartens wurde diese durch den Mühlkanal getrennt (ungefähr das heutige Areal „Kauffmann“). Drei Jauchert Ackerland befanden sich „in der Au“. Bereits 1477 standen am Rand der Mühlenwiese zwei Häuser und ein Teil wurde als Obstbaumgarten genutzt. Zwischen 1524 und 1554 baute Müller Hans Schnell noch ein „Scheuerlin“ zu seiner Mühle hinzu und bis 1554 hatte sich die Anzahl der auf der Wiese erbauten Häuser auch um eines vermehrt. Nun bezahlten Hans Buchters Töchter für ein Haus und der kaiserliche Postmeister Hans Wolff für zwei Häuser eine jährliche Bodenpacht.

Neben dem Mühlenzins, der z.B. 1477 jährlich ,,10 Pfund Heller und eine Henn" betrug, gab es noch weitere Verpflichtungen und Belastungen. Die Müller mußten vielfach ein Kriegsroß halten, das sie im Kriegsfall dem Herzog stellen mußten, so auch 1633 „wie von Alters gebräuchlich geweßen.“ Die unentgeltliche Haltung herrschaftlicher Jagdhunde war eine weitere Belastung gegen die sich der Müller 1820 wehrte. Die Königliche Finanzkammer schrieb jedoch, die Verbindlichkeit zur herrschaftlichen Hundehaltung lasse sich schriftlich zwar nicht nachweisen, sei aber nach altem Brauch begründet. Die Mühle habe nach einem Register schon vor 1722 und noch im Jahr 1782 einen herrschaftlichen Hund in natura verpflegt, daher sei der Müller zur Abgabe des sog. Hundegeldes verpflichtet.


Energieträger Wasser
„Wenn das Wasser fließt, so geht die Mühle“, das wußte früher jedes Kind. Der Energieträger Wasser erforderte ständigen Einsatz. Für die Reinigung und Erhaltung des Inneren Mühlkanals mußten 1661 der Dorfmüller einen Mann und die Fischer, da sie auch im Mühlkanal das Fischrecht hatten, drei Mann stellen. Das Wasser der Fils wurde im Wehr östlich von Ebersbach kontrolliert dem inneren und äußeren Kanal zugeführt. Je mehr Endverbraucher dieses Wasser nutzten, desto häufiger kam es zu Streitigkeiten. Im Dezember 1680 beklagte sich der Dorfmüller über den äußeren Müller jenseits der Fils: „..er nehme ihm zuviel Wasser am Wehr weg, so daß ihm das wenige Wasser, das den inneren Mühlkanal herunterkomme, eingefriere...“. Auch mit dem benachbarten Sägemüller hatte der Dorfmüller Ärger ums Wasser. Sägmüller Johann Hehl klagte 1721, die Dorfmühle verbrauche zu viel Wasser, so „daß er seine Sägmühle nicht recht gebrauchen könne“.


Gute Zeiten - schlechte Zeiten
Als einen Indikator der allgemeinen Wirtschaftslage könnte man die Mühle bezeichnen. In keiner günstigen Zeit übernahm im April 1632 Jacob Bayling die Mühle von seiner Mutter Apollonia. Aufgrund des Dreißig Jährigen Krieges war die Müllersfamilie oft auf der Flucht. Die Kundschaft gestorben und die Felder verwüstet, fehlte nach diesem verheerenden Krieg hinten und vorne das Geld. Müller Bayling stand 1650 beim hiesigen Fuhrunternehmer Leonhard Zwicker mit 600 Gulden in der Kreide und die Mühle war in einem schlechten Zustand. Der umtriebige Müller Hans Georg Hehl merkte schnell, daß er mit dieser baufälligen Mühle nicht zu Wohlstand gelangen konnte. Er errichtete um 1683 auf dem großen Küchengarten neben der Getreidemühle lieber eine profitable Sägemühle und verkaufte dafür die Dorfmühle. In einer Eingabe an den Herzog schrieb 1699 der Müller Leonhard Keller, die Mühle sei derart baufällig, daß sie nicht mehr repariert, sondern nur noch abgebrochen und neu aufgerichtet werden könne. Er bat den Herzog, da er nach dem Bauüberschlag 30 eichene und 100 tannene Baumstämme brauche, die 100 tannenen Baumstämme ihm „aus dem herzoglichen Forst aus Hochfürstlichen Gnaden gratis zu überlassen“, weil er jährlich 56 Gulden Steuer an die Kellerei Göppingen bezahle. 12 tannene Stämme erhielt er kostenlos, die übrigen mußte er bezahlen.

Kontinuität und Wohlstand setzten 1732 ein und bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb die Mühle im Besitz der Familie Zinser. Ludwig Zinser saß als Ratsverwandter im Gemeinderat. Er galt als unerschrocken und zusammen mit seinem Nachbarn Sartorius versuchte er immer wieder „Sonnenwirtle“ Friedrich Schwahn gefangen zu nehmen. Bei einer Verfolgung schossen diese Männer in Selbstjustiz dem davon reitenden Schwahn nach und trafen ihn ins Knie. Mit Elan ging der Nachkömmling Immanuel Zinser an die Renovierung der Mühle heran: 1804 ersetzte er die alte baufällige Mühlenscheuer durch eine neue und 13 Jahre später brach er das alte Back- und Waschhaus ab und setzte einen zweistöckigen Wohnhausneubau mit gewölbtem Keller hin. Dieses Haus diente als Ausgedinghaus, d.h. war Altersruhesitz der alten Müllersleute (Georg-Weingart-Str. 3). In den Wirtschaftsboomjahren des Kaiserreiches vor 1900 verstand es der letzte Müller geschickt sein Besitztum zu vergrößern. Christian Zinser zögerte 1873 nicht die 173 Jahre alte Mühle durch einen stattlichen Neubau zu ersetzen, der so riesig war, daß er das benachbarte Rathaus weit überragte. Anstelle der bisherigen vier Wasserräder für die vier verschiedenen Mahlgänge trat ein großes Wasserrad, ein sog. „Zuppingerrad“. Als sich eine noch lukrativere Geldquelle mit dem Zementgeschäft auftat, erbaute er auf der eigenen Mühlenwiese eine Zementfabrik, die den halben Ort mit Zementstaub einpuderte und ohrenbetäubenden Lärm machte. Bis 1899 diente ihm teilweise die ehemalige Kunstmühle neben dem Rathaus als Zementmühle. Der dazu nötigen Rohstoff wurde in Roßwälden auf dem Areal Burgstall gewonnen. Das gebrannte Gestein wurde in Loren auf Gleisen ins Mühlengebäude befördert. Nach 1900 wurde die gesamte Zementfabrikation auf der Mühlenwiese angesiedelt. Da keiner der Nachkommen die Anlagen übernehmen wollte, verpachtete Zinser deshalb um die Jahrhundertwende zunächst das Mühlengebäude an den Flaschenkapselhersteller Immanuel Langbein, der später das Anwesen kaufte. Um 1900 wurde die Mühleneinrichtung entfernt, wobei ein zerbrochener Mahlsteine vor Ort zum Auffüllen Verwendung fand und nicht weiterverkauft wurde. 1902 konnte Zinser seine Zementfabrik gewinnbringend an Jetter & Stübler verkaufen, die ihrerseits das Anwesen 1904 an die Süddeutsche Zementverkaufstelle G.m.b.H. Heidelberg weiter veräußerten. 1905 übernahm dann die Firma Kauffmann das Anwesen samt dem Wassernutzungsrecht und richtet dort eine Senf- und Gurkenfabrik ein.


Vom Feuer und Wiederaufbau
Ein Feuer zerstörte am 14. September 1912 die baufällige Scheuer, die an den benachbarten Schmiedmeister Karl Haller vermietet war. Auch einige Ebersbacher hatten Heu und Stroh hier eingelagert. Als das Feuer entdeckt wurde, schlug es bereits zum Dach heraus. Das eingestellte Vieh konnte gerettet werden, der Milchwagen des Milchhänders Friedrich Hummel jedoch konnte nicht mehr in Sicherheit gebracht werden. „Ein vergessen gebliebener Hund“ verbrannte in den Flammen. Der Zeitungsbericht endete mit dem Satz: „Zweifellos liegt Brandstiftung vor“. Zwei Jahre später brach am Nachmittag des 23. Februar kurz vor 16 Uhr ein Feuer im Bühnenraum der als Wohnhaus und Kapselfabrik genutzten Mühle aus. Das ganze Gebäude brannte nahezu vollständig aus. Die zahlreichen Mieter des Hauses, die nun obdachlos wurden, konnten so gut wie nichts aus ihren Wohnungen retten. Das Dach des Rathauses wurde von der „hereinbrechenden Giebelwand erheblich beschädigt. Das Feuer zerstörte das neben der Kirche höchste Gebäude Ebersbachs. Das Haus war für das Ortsbild Ebersbach geradezu charakteristisch.“ Brandstiftung wurde erneut vermutet. Gerüchte machten rasch die Runde, bewiesen wurde letztlich nichts. Das Gebäude wurde unter Einbeziehung des sandsteinen Erdgeschosses von 1873 nur noch zweigeschossig aufgebaut.

Carl Hildenbrand kaufte das Gebäude 1929 und betrieb hier das Werk II seiner 1910 in Ebersbach gegründete Firma, die Schnürriemen und Kordeln fabrizierte. 1961 lehnte der damalige Ebersbacher Gemeinderat den Kauf des Areals ab. Bis 1974 wechselten häufig die Pächter, schließlich bot das Areal einen trostlosen Anblick, bis nach einer umfassenden Renovierung im August 1976 die Firma Liedl & Schwarz den Lebensmittel-Diskounter „LIDL“ eröffnete, auf 230 qm Verkaufsfläche im Erdgeschoß. Die beiden oberen Stockwerke bleiben fortan leer. Ab 1995 bediente der Getränkemarkt Baumann hier seine Kunden.

Dieser Aufsatz erschien im Jahr 2006, zuletzt bearbeitet: am 30.04.2014, Uwe Geiger