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Der Name der Grünanlage

NS-Straßenbenennungen in Ebersbach


In vielen Orten des Reiches kam es schon gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 zur Umbenennung von Straßen und Plätzen nach Repräsentanten des NS-Staates oder verstorbenen einstigen Weggenossen des Führers und seiner Bewegung. Ziel war die Allgegenwärtigkeit der nationalsozialistischen Symbolfiguren und die Eliminierung der Idole des politischen Gegners. Auch in der Folgezeit wurden immer wieder Straßen und Plätze nach Nationalsozialisten benannt.

In der Kreisstadt Göppingen wurde die nach dem ersten Präsidenten der Weimarer Republik benannte Friedrich-Ebert-Straße, die heute wieder so heißt, zu Hitlers Geburtstag 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Die nach dem 1921 von Reaktionären ermordeten Finanzminister benannte Erzbergerstraße hieß nun Hindenburgstraße, und der nach dem 1922 von Nationalisten erschossenen Außenminister benannte Rathenau-Platz wurde in Schlageter-Platz umgetauft. Weitere Straßen der Stadt erhielten im Laufe der Jahre die Namen von NS-Persönlichkeiten. Auch in anderen Gemeinden des Kreisgebiets kam es schon bald nach der Machtergreifung zu Straßenumbenennungen. So wurde 1933 beispielsweise auch in Uhingen die dortige Friedrich-Ebert-Straße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt.

In Ebersbach kam es zu keinen derartigen Umbenennungen. Ein Grund dafür bestand sicher darin, daß es damals in Ebersbach keine Straßennamen gab, die bei den Nationalsozialisten hätten Anstoß erregen können. Hätte sich im März 1926 der kommunistische Gemeinderat Robert Müller mit seinem Vorschlag durchgesetzt, die vom Rathaus ab nach Westen verlaufende Landstraße nach dem langjährigen Sozialdemokraten und späteren Kommunisten Karl Liebknecht zu benennen, so wäre es 1933 wahrscheinlich auch in Ebersbach zu einer Straßenumbenennung gekommen. Doch erhielt die Straße seinerzeit den neutralen Namen Stuttgarter Straße.

In derselben Gemeinderatssitzung im März 1926 beschloß der Gemeinderat zudem, den rund drei Jahre zuvor beschrittenen Weg der Benennung von Straßen und Plätzen nach noch lebenden Personen nicht weiter zu begehen. 1923 hatte er unter anderem eine Straße im Neubaugebiet im Gewann Brühl nach dem amtierenden Bürgermeister mit Reichertstraße benannt – in Anbetracht der Verdienste des Herrn Reichert als ehemaliger Vorstand der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Ebersbach e.G.m.b.H. am Zustandekommen der Siedlung. Nur kurze Zeit später nach seiner Wiederwahl als Bürgermeister wurde Reichert in einen Skandal verwickelt, der ihn das Amt kostete. Er fiel in Ungnade, und die nach ihm benannte Straße wurde schließlich im März 1926 in Uhlandstraße umbenannt. Auch diese negative Erfahrung der Ebersbacher bei der Benennung von Straßen nach lebenden Personen könnte mit ein Grund dafür sein, daß es in Ebersbach nicht zur Benennung von Straßen nach lebenden NS-Größen kam. Tatsächlich wurde der einzige Platz in Ebersbach, der je einen der NS-Ideologie angemessenen Namen erhielt, nach einem schon Anfang der 20er Jahre verstorbenen Weggefährten des Führers benannt.

Ganz allgemein scheinen die Ebersbacher Nationalsozialisten weniger überschwenglich als viele ihrer Parteigenossen in den umliegenden Ortschaften gewesen zu sein. Während zum Beispiel in Uhingen kurz nach der Machtergreifung und in Göppingen im November 1933 jeweils der Reichsstatthalter von Württemberg, Wilhelm Murr, zum Ehrenbürger ernannt wurde und in Weiler neben Murr auch Reichspräsident von Hindenburg, Reichskanzler Adolf Hitler und der Württembergische Kult- und Justizminister Mergenthaler die Ehrenbürgerrechte erhielten, geschah in Ebersbach in dieser Hinsicht ebenfalls nichts. Dies mag zum einen auch mit das Verdienst des aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammenden Bürgermeisters Gustav Seebich gewesen sein, der an solchen Dingen sicher nicht interessiert war, andererseits hätten er und die Gemeindeverwaltung sich diesbezüglichen Forderungen des gleichgeschalteten Gemeinderats und der hiesigen Ortsgruppe der NSDAP wahrscheinlich auch nicht verschließen können, wie das Beispiel Grünanlage zeigt.

Am 18. Januar 1935 meldete sich in einer Gemeinderatssitzung ein nationalsozialistischer Gemeinderat zu Wort, und brachte zum Ausdruck, daß die örtliche NSDAP nach der Machtergreifung bewußt davon abgesehen habe, bereits vorhandene Straßen und Plätze nach führenden Persönlichkeiten der nationalsozialistischen Bewegung zu benennen, weil sie die Absicht gehabt habe, später aus eigener Kraft Zeugen nationalsozialistischen Geistes und Willens zu schaffen. Die Zeit zur Gestaltung eines Denkmals zur Erinnerung an die Machtergreifung und den kraftvollen Wiederaufbau Deutschlands sei nun gekommen, weshalb er die Gemeindeverwaltung ersuche, hierfür geeignete Vorschläge auszuarbeiten und die Einwohnerschaft zur Mitarbeit an der Schaffung eines solchen Erinnerungszeichens aufzufordern.

Nach erster Rücksprache mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP im Februar 1935 unterbreitete Bürgermeister Seebich dem Gemeinderat im Juni 1936 dann offiziell den Plan, im Gewann Hölzerner Rain auf dem Gelände der Sickergalerie für die Gemeindewasserversorgung eine öffentliche Grünanlage als Erholungs- und Aufenthaltsplatz für ältere Leute und Kinder zu schaffen. Eine solche öffentliche Anlage war an dieser Stelle schon seit der Aufstellung des generellen Ortsbauplanes im Jahr 1925 vorgesehen gewesen, war aber seitdem mit Rücksicht auf die Nutznießer der dortigen Gemeindeteile und Pachtgrundstücke nie realisiert worden. Nun wurde beschlossen, die Weiterbenützung der Gemeindeteile und Pachtgrundstücke auf Herbst des Jahres aufzukündigen und nach Plänen des Gartenbauarchitekten Aldinger aus Stuttgart auf der Basis von Gemeinschaftsarbeit mit der Schaffung der Grünanlage zu beginnen. Zur Finanzierung von Bäumen, Sträuchern und dergleichen wurde eine Sammlung innerhalb der Gemeinde ins Auge gefaßt.

Tatsächlich verzögerte sich der Baubeginn ins darauffolgende Frühjahr. Im April 1937 wurde die Ebersbacher Bevölkerung zunächst mittels eines Flugblatts aufgerufen, sich an der Ausführung der Grünanlage im Hölzernen Rain entweder durch unentgeltliche Arbeitsleistungen oder durch freiwillige Spenden zu beteiligen. Am 1. Mai, dem Tag der nationalen Arbeit, wurde dann in feierlichem Rahmen der erste Spatenstich durch Bürgermeister Seebich ausgeführt. In seiner Feierrede konnte er vermelden, daß sich schon rund 300 Volksgenossen zur unentgeltlichen Arbeitsleistung gemeldet hätten, und man bereits mit 7000 Reichsmark Geldspenden – vorwiegend aus der Industrie – rechnen könnte. Die Grünanlage sollte nicht länger nur eine Erholungs- und Aufenthaltsstätte für ältere Leute und Kinder werden, sondern auch als Festplatz dienen können.

Bis Ende des Jahres waren die groben Erdbewegungsarbeiten abgeschlossen. Unentgeltlich ausgeführt in mehr als 5000 Arbeitsstunden von hiesigen Einwohnern – den Mitgliedern der Deutschen Arbeitsfront, des Reichsbundes Deutscher Beamter, des Handels und Handwerks, des NS-Lehrerbunds, der NSDAP, der SA und der Ortsbauernschaft – sowie den in Ebersbach stationierten Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes. Die nun mehr anstehenden Arbeiten – Chaussierung der Wege, Aufbau der Lauben, Errichtung der Brüstungsmauern an dem vorgesehenen Konzert- und Rednerplatz etc. – wurden an Fachbetriebe vergeben.

Nach Rücksprache mit Professor Fritz Kauffmann unterbreitete Ortsgruppenleiter Langbein Bürgermeister Seebich mit Schreiben vom 24. März 1938 den Vorschlag, der neuen Grünanlage die Bezeichnung »Dietrich-Eckart-Anlage« zu geben. An der dreigeteilten Frontmauer des erhöhten Redner- und Konzertplatzes wünschte er sich ein Schriftband mit der Inschrift »Als Gemeinschaftsleistung aller Stände am Tag der nationalen Arbeit 1937 begonnen / Dem Künder des Dritten Reiches Dietrich Eckart geweiht / Im Jahre der Schaffung Gross-Deutschlands am Tage der nationalen Arbeit 1938 vollendet«. Die Obere und die Untere Alleenstraße sollten vorerst ihre Namen behalten, doch schloß der Ortsgruppenleiter ihre spätere Umbenennung nach zwei nationalsozialistischen Kulturschaffenden nicht aus.

Bürgermeister Seebich beauftragte daraufhin den Ludwigsburger Kunstbildhauer Erwin Dauner mit dem gestalterischen Entwurf des Schriftzugs, der von dem ortsansässigen Bildhauer Max Boffenmayer ausgehauen wurde. Am 1. Mai 1938 wurde die neue Feier- und Erholungsstätte im Gewann Hölzerner Rain im Rahmen des Festaktes zum Tag der nationalen Arbeit eingeweiht und der Öffentlichkeit übergeben. Wie »Der Hohenstaufen« in seiner Ausgabe vom 3. Mai 1938 berichtete, leitete »nach dem Fahneneinmarsch zu den Klängen des RAD-Musikzuges […] der Sängerbund mit dem Lied ›Deutschland, du mein Vaterland‹ in würdiger Weise ein. Dann sprach Gartenarchitekt Aldinger, Stuttgart, der Gestalter der Erholungsstätte. Er ging von der Vorgeschichte des Planes aus, dankte vor allem für die tatkräftige Unterstützung der örtlichen Stellen und übergab dann die Anlage dem Ortsvorsteher. Bürgermeister Seebich dankte seinerseits allen, die am Gelingen des Werkes mitgeholfen, die in über 5000 freiwilligen Arbeitsstunden gezeigt haben, daß entgegen der Meinung einiger Zweifler in Ebersbach noch viel Idealismus vorhanden ist. Mehr als 8000 RM eingegangene Spenden seien ebenfalls ein Beweis dafür und zugleich ein Anreiz für die noch Zurückstehenden, ihre Pflicht als Angehörige der Ortsgemeinschaft zu erfüllen.

Der Platz wird ›Dietrich-Eckart-Anlage‹ heißen, in Würdigung der Persönlichkeit des Künders des Dritten Reiches. Ein in Stein gehauenes Spruchband wird späteren Geschlechtern von der inneren Kraft unseres Volkes in Deutschlands größter Zeit erzählen.

Der Schülerchor sang das bekannteste und wuchtigste Lied Dietrich Eckarts, ›Deutschland erwache!‹ Sprecher des RAD und der HJ trugen Worte des Dichters vor. Den glanzvollen Höhepunkt bildete die Übertragung der Führerrede vom Berliner Maifeld.

Zum Schluß ergriff Ortsgruppenleiter Langbein das Wort. Er forderte alle Volksgenossen auf, der sittlichen Idee der Volksgemeinschaft, vom Führer auch heute wieder so eindringlich geformt, weiterhin nachzuleben. Die Schaffung der neuen Feierstätte sei dafür ein weithin sichtbarer Markstein.«

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches waren die Tage von nach Nationalsozialisten oder sonstigen Militaristen benannten Straßen und Plätzen gezählt. Die Militärregierungen der Besatzungsmächte verlangten die Entfernung aller Namen, die mit irgendeiner Person oder einem Gegenstand des Nazismus oder des deutschen Militarismus zusammenhingen, aus der öffentlichen Schaustellung und Verwendung.

In Ebersbach wies Bürgermeister Seebich die neu berufenen Gemeinderäte bereits in einer Sitzung am 12. Mai 1945 darauf hin, daß man im Ort seit 1933 keine Straße und kein öffentliches Gebäude nach einem Führer der nationalsozialistischen Bewegung benannt habe – mit Ausnahme der 1938 geschaffenen öffentlichen Erholungsstätte im Hölzernen Rain, welche nach dem im Jahre 1923 verstorbenen dichterischen Künder des 3. Reiches, Dietrich Eckart, benannt worden sei. Eine Umbenennung, so führte er aus, wäre nicht dringlich, weil sich der offizielle Namen in der Öffentlichkeit kaum eingebürgert habe. Dennoch bat er die Gemeinderäte, sich Gedanken darüber zu machen, welche passende Bezeichnung dieser Erholungsstätte zukünftig zu geben sei. Über die ihm unterbreiteten Namensvorschläge werde er dann zu gegebener Zeit mit dem Gemeinderat beraten.

Tatsächlich wurde in den Folgemonaten eine offizielle Umbenennung versäumt. Es gab im Nachkriegs-Ebersbach auch sicherlich wichtigeres zu tun, als einen Platz umzubenennen, dessen Namen nie als postalische Adresse gedient hatte und sich nicht wirklich im Bewußtsein der Bevölkerung verankert hatte. Es galt die heimische Industrie wieder anzukurbeln, Wohnraum für Flüchtlinge und Aussiedler zu schaffen und die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten sicherzustellen. Dietrich Eckart spielte im Denken der neuen Zeit keine Rolle mehr. Doch erinnerte die wenngleich schon stark verwitterte Inschrift an der Brüstungsmauer des einstigen Redner- und Konzertplatzes in der Grünanlage so manchen Ebersbacher noch bis in den Sommer 1946 an die vergangene Zeit des Nationalsozialismus. Am 5. Juli 1946 stellte daher der vor dem 3. Reich im linken Arbeitermilieu verwurzelt gewesene Gemeinderat Alfred Bantel den Antrag, das Schriftband definitiv zu entfernen. Der Bürgermeister versprach, dies zu veranlassen, und mit dieser Eliminierung der einstigen Weiheschrift war die Grünanlage symbolisch entnazifiziert.

Dr. Eberhard Haußmann (+)


Quellen:
Mayer, Karl: Geschichte des Roßwälder Stabs. Kirchheim 1939
Rueß, Karl-Heinz: Göppingen unterm Hakenkreuz. Göppingen 1994
Traub, Otmar: Uhingen 1933-1948. Eine Chronik. Uhingen 1999
Gemeinderatsprotokolle 1923-1947
Gemeindeakten der Flattich-Registratur-Nummern 1990 und 3604

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